Die praktische Anwendung des Managements komplexer öffentlicher Systeme nach dem Vorbild der Management-Bionik am Beispiel der Innenentwicklung einer Gemeinde

von Alexander Leitz - 30.05.2016

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Das Zeitalter der Postmoderne mit der weltweiten Vernetzung führte zur Globalisierung zahlreicher Lebens- und Wirtschaftsbereiche mit einem ausgeprägten Individualismus und laufender Gewinnmaximierung. Das Ergebnis sind pulsierende Metropolregionen sowie ein urbaner Lebensstil der Bevölkerung. Für den ländlichen Raum bedeutete dies, dass kleinräumige Strukturen nach und nach aussterben. Auch auf dem Land ergaben sich über die Jahrzehnte immer größeren Einheiten, größere Strukturen, größere Objekte und somit auch größerer Flächenbedarf. Diese Globalisierung, die Landflucht, der Bevölkerungsrückgang, und die Überalterung führten einerseits zu Flächenverbrauch auf der grünen Wiese, andererseits zu alter Bausubstanz und Leerständen in den Ortskernen und somit zur allgemeinen Funktionsschwäche der Ortskerne.

Der Mensch erkennt die Missstände dieser Entwicklung und so wie man in den 80er Jahren die Folgen der Gewässerverschmutzung sanierte, werden heute intelligente Maßnahmen umgesetzt, um die  Flächenstruktur der Gemeinden zu sanieren.

In beiden Fällen, Gewässer und Gemeinde, soll die naturgegebene Struktur wieder hergestellt werden, denn auch eine Gemeinde kann als lebendes System gesehen werden, bei dem die unterschiedlichsten Organe und Zusammenhänge in komplexer Weise interagieren und voneinander abhängig sind.

​​​​Erschwerend kommt beim „Ökosystem“ Gemeinde hinzu, dass die Grundlage aller Maßnahmen und Prozesse der Mensch ist und dieses sogenannte Humankapital demografisch bedingt qualitativ und quantitativ einem Abwärtstrend unterliegt. Innenentwicklung und Flächenmanagement kann jedoch nur gemeinsam mit den Menschen erfolgreich gelingen.

Das Modell des vernetzten und lebenden Systems hat bereits seit Jahren erfolgreich im Management größerer Unternehmen Einzug gehalten und kann gleichwertig auch für das „Unternehmen“ Gemeinde heran gezogen werden:

Das Modell des vernetzten und lebensfähigen Systems hat bereits seit Jahren erfolgreich im Management innovativer Unternehmen Einzug gehalten und kann gleichwertig auch für das „Unternehmen“ Gemeinde heran gezogen werden:

 

Das Thema „Flächenmanagement“ ist ein wesentlicher Bestandteil im gesamten Organismus „Gemeinde“

  1. In der freien Marktwirtschaft sind Flächen dann attraktiv, wenn diese gewinnbringend nutzbar sind

  2. Der Standort ist dann wirtschaftlich interessant, wenn möglichst viele Rahmenbedingungen ("Nährboden") für die Unternehmen und Privathaushalte erfüllt sind. Als Indikator der wirtschaftlichen Attraktivität können die Bodenrichtwerde heran gezogen werden.

  3. Die Basis für erfolgreiches Flächenmanagement ist somit eine erfolgreiche Gemeindeentwicklung mit der gezielten und strategischen Bearbeitung zahlreicher Handlungsfelder.

  4. Die Handlungsfelder und Einheiten sollten nicht lose und egoistisch nebeneinander her agieren, sondern – wo erforderlich – untereinander vernetzt sein. Jeder Bereich sollte sich seiner Bedeutung und seiner Verantwortung für die Zukunft der Gemeinde bewusst sein und wiederum in sich intelligent geführt sein. Dieses Bewusstsein sollte auch innerhalb seiner Struktur bis zum einzelnen Individuum gelebt werden. „Dorf-Spirit“ vs. individuellem Egoismus, „Was dem Bienenschwarm gut tut, tut auch der Biene gut!“, alles im gesunden Maß.

  5. Die Verantwortlichen der Gemeinde sollten als Motor und Kümmerer proaktiv den Nährboden und die Aussaat für attraktive Rahmenbedingungen schaffen und hierzu erforderliche Instrumente und Werkzeuge einsetzen. Die Bürger sollten im Rahmen einer intensiven Bürgerbeteiligung sensibilisiert, informiert und aktiviert werden, die Prozesse selbst wirksam zu unterstützen und sich je nach Fähigkeit und Möglichkeit selbst einbringen.

  6. Zur nachhaltigen und wirksamen Aktivierung einer Gemeinschaft ist eine angemessene Geschlossenheit (nicht Verschlossenheit!) und Entschlossenheit  wichtig. Hierzu können in der Zeit des Individualismus und Egoismus die Erarbeitung eines gemeinsamen Leitbildes sowie die Orientierung daran hilfreich sein.

  7. Das Ergebnis eines funktionierenden lebenden Systems ist die stetige Selbstheilung und Selbsterhaltung der Gemeinde. In diesem Umfeld bleiben der Standort und die Flächen attraktiv und werthaltig. Im Rahmen einer solchen „Dorfbionik“ gelingt im Zusammenspiel mit den passenden Maßnahmen intelligentes Flächenrecycling in einer Gemeinde.

Grafik Netzwerk Hohentengen, (c) Alexander Leitz, Fotos/Grafiken: (c) Alexander Leitz, fotolia fotomek, Dreaming Andy, Trueffelpix, alphaspirit, lovebear, eestingnef  

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Abb. Das biologische Nervensystem vernetzt die Organe miteinander. Informationen und Interaktionen werden so gesteuert, dass der gesamte Organismus als Einheit funktioniert und agiert. Foto: (c) Fotolia adimas

Abb. Die Zelle als kleinstes Ökosystem ist mit unabhängigen "Organen" organisiert und strukturiert um als selbständiges lebendes System zu funktionieren.  Foto:(c) Fotolia eranicle

Beispiele einzelner Organe im "Ökosystem Gemeinde“:
 

- Städtebauliches Konzept (Bestand, Analyse, Maßnahmen, Aktion! )

- Mobilität

- Senioren, Alter, Pflege

- Familie, Bildung und Betreuung

- Klimaschutz

- Grund- und Nahversorgung

- Örtliche Wirtschaft und Handwerk

- Landwirtschaft

- Hochwasserschutz

- Eigentumskonzept (neue Währung „Stein & Heim“)

- Landschaft und Natur

 

 

Beispiele von Werkzeugen und Instrumenten, Maßnahmen:

- ​staatliche Strukturpolitik

Antizyklisch – gegen den Trend zur Metropolregion, gegen den Trend der Außenentwicklung, für die Qualität und die Bedeutung des ländlichen Raumes, für die Bedeutung und die Funktionsstärkung der Ortskerne. Mit besonderer Förderung kann die Politik Modellprojekte und Modellgemeinden auszeichnen, die als Vorbild für andere dienen.

 

- ​integriertes und umfassendes Gemeindeentwicklungskonzept

Strukturell und städtebaulich, aktives Flächenmanagement (qualitative Erhebung und pro aktive Bearbeitung und Pflege anlog kaufmännischer Kundensysteme), Freiflächenkonzept, Quartiersbildungen und Innerortsflurneuordnungen, Gestaltungsempfehlungen, intensive und aktive Eigentümer und Bauherrenberatung, Baureifmachung, Arbeitskreise, Patenschaften, private Quartiersentwicklung, Leitbildentwicklung (Werte-Mission-Vision), Kommunikationsstruktur, aktives Konfliktmanagement, Nachverdichtung mit Stockwerken (auch gewerblich), evtl. ergänzende Lenkungsgruppe maßgeblicher Akteure, Variohome-Lösungen, öffentliche Flächenplattformen, interkommunale Breitbandkonzeption mit konkreter Ausbauplanung, Gewässerentwicklung, Biotopvernetzung,..

​- Kommunale Förderprogramme

für Familien, Modernisierungen, Innenentwicklung, Baureifmachung, Nachverdichtung

 

​- Versorgungs- und Pflegekonzept

Bedarfsermittlung, Aktivierung Ehrenamt („Caring Communities“), Seniorengenossenschaften, Vernetzung mit professionellen Einrichtung (Pflege), neue, passende (!) Wohnformen, Repair-Cafés, …

 

- ​zielgruppenorientiertes Marketing

… der Gemeinden, der Region, des ländlichen Raumes. Bsp. Mittelstand und regionale Cluster sind widerstandsfähiger bei Krisen, gesunde Lebensqualität im ländlichen Raum vs. „burnout“ in der Stadt“, kommunale „Leuchttürme"

- Maßnahmenpakete für Vereine und Ehrenamt 

Vereinsförderung, Wertschätzung, Vernetzung, gemeinsame Aktionen und Feste, aktivieren von „Hidden Stories, lebendige Dorfgeschichte,…

​- Klimaschutzmaßnahmen
Bauherrenberatung, private und öffentliche Nahwärmelösungen, Energiegenossenschaften

Der Faktor "MENSCH" im lebenden System

- In allen Bereichen der Gemeinde ist die tugendhafte, verantwortungsvolle und pflichtbewusste Einstellung aller Beteiligten wichtig.

- Die Kommunikation der Beteiligten ist höflich, verbindend, konstruktiv, motivierend und selbstkritisch. Diese positive Art der Kommunikation ist das Öl im Getriebe bzw. das Wasser im Organismus. Mit der positiven Kommunkation werden Probleme bewältigt und Ziele wirksam erreicht. Negative Kommunikation ist Sand im Getriebe. Ohne Wasser sind die Dinge nicht mehr im Fluss, geraten ins Stocken und der Organismus wird krank. Die Ursache von unwirksamen Handeln, von zahlreichen öffentlichen Schwierigkeiten, Verzögerungen und Blockaden ist häufig negative bzw. schlechte Kommunikation.

- Je höher die Stellung im System (Bsp. Führungskräfte) desto mehr verpflichtet einen das lebende System zu verantwortungsvoller und tugendhafter Arbeitsweise, Kommunikation und Selbstkritik.

- Jeder Beteiligte - egal mit welcher Rolle und in welcher Stellung - sieht sich an seiner Position als wichtiger Teil des ganzen Systems.

- Die einzelne Person unterstellt sich dem Wohl der Gemeinschaft.

- Alle Beteiligten sind stolz zur der Gemeinde zu gehören und und haben eine Freude daran sich für deren Weiterentwicklung einzusetzen.

- Mangelndes Pflichtbewusstsein, mangelndes Verantwortungsbewusstsein, Egoismus, Neid, übertriebener Stolz, übertriebenes Geltungsbedürfnis sowie alle aktiven Handlungen die daraus resultieren sind gemeinwohlschädlich.

- Kommunale Rekursion bedeutet, dass eine Gemeinschaft in idealer Weise von der kleinsten Einheit (Individuum) über die nächste Einheiten (Familien), über die nächsten Einheiten (Vereine, Unternehmen, Kirchen, Gruppierungen, etc...), bis zur größten Einheit - der gesamten Gemeinde mit ihren einzelnen Abteilungen (Kindergarten, Altersheim, Feuerwehr, Bauhof, Verwaltung, etc...)... 

1. eine gemeinsame Idee hat, ein gemeinsames Ziel verfolgt (=>positive Entwicklung der Gemeinde) und

2. jede Einheit (s.o.) für sich unabhängig aber pflichtbewusst und tugendhaft funktioniert und gleichzeitig seiner jeweiligen Verantwortung für das Ganze gerecht wird.

- Die Gesamtleitung (dem Gesamtmanagement =Bürgermeister) obliegt die Pflicht und Verantwortung, zum einen als Vorbild voraus zu gehen, zum anderen in allen Einheiten stets das Ideal des lebenden Systems anzustreben.

Abb. Kommunale Rekursion                                (c) Alexander Leitz 

Abb. Natürliche Rekursion                                (c) Fotolia birdPIXX

 
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Bionik im Management / Literatur:
 
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